3,3 der 4,1 Millionen der deutschen Pflegebedürftigen leben in der eigenen Wohnung und werden dort von Angehörigen oder Freunden versorgt. Einige auch mit Unterstützung durch Pflegedienste. Die Pflegebedürftigen können hierzu eine Vielzahl finanzieller Leistungen beantragen.

Allerdings ist deren Bewilligung teilweise an einige bürokratische Hürden geknüpft. Und wenn sie nicht rechtzeitig abgerufen werden, verfallen sie. Und das summiert sich jedes Jahr auf erschreckende 12 Milliarden € an Pflegeleistungen, die nicht abgerufen werden und verfallen.

Das ist eine weitere erschreckende Erkenntnis aus der Studie zur häuslichen Pflege in Deutschland, die der Sozialverband VdK bei der Hochschule Osnabrück in Auftrag gab. miCARE berichtete bereits: https://www.mi-care.de/blog/archives/92-VdK-Studie-zur-haeuslichen-Pflege-veroeffentlicht.html

Die Wissenschaftler der Hochschule Osnabrück haben im Rahmen der Studie ermittelt, dass manche Pflegeleistungen nur zu 7 bis 38 Prozent abgerufen werden, das heißt: zwischen 62 und 93 Prozent verfallen. Und das summiert sich schon bei den drei wichtigen Leistungen der Pflegekassen auf nahezu zwölf Milliarden €/Jahr.

4 Milliarden € der nicht abgerufenen Pflegeleistungen entfallen alleine auf den Entlastungsbetrag. Einerseits werden z.B. die Antrags- und Bewilligungsregeln von jedem Bundesland individuell geregelt. Das führt dazu, dass trotz hoher Nachfrage zu wenig Anbieter zur Verfügung stehen, da sie u.a. bis zu 120 Stunden Fortbildungen nachweisen müssen (in Baden-Württemberg). 80 Prozent der Pflegebedürftigen rufen die ihnen zustehenden 125 €/Monat nicht ab, weil der Nachweis, dass es sich um einen anerkannten Dienstleister handelt, nicht oder nur mit hohem Aufwand gelingt oder sie niemanden finden, der bereit ist, die Hürde zu nehmen. Wer bezahlt z.B. den Verdienstausfall für jemanden, der 120 Stunden auf die Schulbank muss, um anschließend einem Pflegebedürftigen die Wäsche zu machen oder einkaufen zu gehen?

Pflegeleistungen in Höhe von 3,4 Milliarden € verfallen, weil die Verhinderungspflege nicht in Anspruch genommen wird (Infos zur Verhinderungspflege: https://www.mi-care.de/blog/archives/12-Verhinderungspflege-25.html).

4,6 Milliarden € verfallen, da die Kurzzeitpflege, die Angehörigen bei Krankheit oder zur Erholung eine Auszeit ermöglichen soll, von 86 Prozent noch nie beantragt wurde (Infos zur Kurzzeitpflege:https://www.mi-care.de/blog/archives/14-Kurzzeitpflege-45.html).
Inwieweit das sehr zurückhaltende, um nicht zu sagen zurückgezogene Leben vieler Haushalte mit Pflegebedürftigen in der Corona-Zeit bei diesen Zahlen berücksichtigt wurde, lässt sich schwer abschätzen. Oder die Tatsache, dass viele Pflegeeinrichtungen im Rahmen ihrer Infektionsschutzkonzepte Plätze für die Kurzzeitpflege oder die Tag- und Nachtpflege gestrichen haben.

Die VdK-Präsidentin, Verena Bentele, kritisiert: „Für die Beantragung ist mitunter buchhalterisches Wissen erforderlich. Die Voraussetzungen, die pflegende Angehörige erbringen müssen, um Leistungen abzurufen, sind teilweise absurd und unangebracht.“ Die häusliche Pflege sei zu lange ein Stiefkind der Politik (Zitate aus der Welt am Sonntag).

Der VdK fordert zeitnah ein flexibel einsetzbares Entlastungsbudget, in dem einige der Leistungen in einem Budget zusammengefasst und den Pflegebedürftigen unkompliziert zur Verfügung gestellt werden. Welche, auch weiteren, Leistungen in ein solches Entlastungsbudget einbezogen werden sollten, ist noch zu überprüfen.

 

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