So finanzieren unsere nordwestlichen Nachbarn die Pflegekosten

Das Wichtigste gleich vorneweg: Während bei uns Krankenhäuser, Senioren- und Pflegeheime vom kostendeckenden Betrieb in kommunaler oder kirchlicher Trägerschaft zu Wirtschaftsbetrieben gemacht wurden, die einen Gewinn erzielen sollen, wird genau das in den Niederlanden unterbunden: Gewinnerzielung ist nur in Ausnahmefällen erlaubt, die Gehälter der Führungskräfte sind gedeckelt. Die Zulassung der Anbieterfirmen erfolgt im Rahmen des 'Gesetz über die Zulassung von Pflegedienstleistern'. 

Bis 2006 hatte sich das niederländische Gesundheitssystem zu einem der teuersten in der EU entwickelt, weshalb in den Folgejahren Reformen überwiegend auf Kosteneinsparungen und die Kompensation der auch in den Niederlanden zunehmenden Alterung der Gesellschaft fokussierten. Eine Unterbringung und pflegerische Versorgung in Pflegeheimen war ursprünglich nur für 'Personen mit Behinderung oder schweren Erkrankungen' vorgesehen. Die ambulante Pflege erfolgte durch Pflegeteams, deren Pflegekräfte im Sinne einer Nachbarschaftsbetreuung bis zu 60 Patienten versorgten und die notwendigen Kontakte zu Ärzten und Therapieeinrichtungen koordinierten. 2006 wurden der niederländische Pflegemarkt und die staatliche Krankenversicherung für private Anbieter geöffnet. Allerdings mit strengen Auflagen, um die Kosten im Zaum zu halten. 
Gewinnerzielungsabsicht darf nicht vorliegen, wenn es sich um ein Angebot stationärer Behandlung (Pflege) handelt, sondern ist nur im Bereich der ambulanten Versorgung zulässig. Ferner wurde das maximale Jahresgehalt der Spitzenfunktionäre (je nach Gesellschaftsform, also Vorstand oder Geschäftsführung) bei 194.000 €/Kalenderjahr gedeckelt. 

Die öffentlichen Krankenversicherungen wurden in der Hoffnung privatisiert, dass sich Versicherungsmarkt, Arbeitsmarkt und Versorgungsmarkt gegenseitig regulieren würden. Der Zugang zu Fachärzten und Pflegeeinrichtungen wurde durch ein Primärarzt-System beschränkt, der Hausarzt entscheidet und stellt ggf. Überweisungen aus. Die erhofften Kosteneinsparungen blieben allerdings aus. Die Kosten je Pflegefall nahmen zwar ab, die Anzahl der Pflegebedürftigen nahm jedoch zu. Das System wurde 2015 erneut reformiert. 

Vor allem wurde die Langzeitpflege umfassend reformiert, um sicherzustellen, dass diese auch bei einem Anstieg der Nachfrage in Folge der alternden Gesellschaft weiter finanzierbar sein würde. Vor dem Hintergrund der hohen Unterbringungsrate in Pflegeheimen wurde beschlossen, die Selbstbestimmung der Betroffenen möglichst lange zu erhalten und die Qualität und gleichzeitig die Koordinierung der Pflege langfristig zu verbessern. Das zeigt sich inzwischen auch in der postoperativen Versorgung. Krankengymnastik gibt es nicht wie bei uns in Deutschland 'nach Budget', sondern so lange, bis die Patienten sich wieder selbst versorgen und z.B. wieder laufen können. Dafür gibt es bereits im Krankenhaus ein breites physiotherapeutisches Pflichtprogramm, statt 'Fernseher und Nachmittagskuchen' als Ablenkung wie bei uns. 
Das niederländische Gesetz über die Langzeitpflege regelt inzwischen die Betreuung von Personen, die 24 Stunden/Tag Pflege benötigen. Der besondere Betreuungsbedarf wird durch eine standardisierte Bedürfnisprüfung des 'Zentrums zur Erstellung einer Gesundheitsindikation' festgestellt. Es kann eine stationäre Pflege in einem Pflegeheim beantragt werden oder ein sogenanntes 'Komplettpaket zu Hause', das ein vergleichbares Pflegeniveau wie in einem Heim gewährleisten soll. Fällt die Entscheidung auf die Pflege daheim, kann auf Antrag ein persönliches Pflegebudget zugeteilt werden, das von der Sozialversicherungsbank verwaltet wird und das für zuvor festgelegte Dienstleistungen eingesetzt werden kann. Die Kosten für die selbst gewählten Anbieter sind aus diesen Mitteln sowie einem einkommensabhängigen Eigenanteil zu bestreiten.
Die Finanzierung der Aufwendungen für die Langzeitpflege, unabhängig davon, ob diese in einer Pflegeeinrichtung oder zu Hause durchgeführt wird, erfolgt durch einen Pflegefonds. Versicherungspflichtig Beschäftigte ab 18 Jahren zahlen 9,65 % des Bruttolohns in diesen ein. Die Erhebung erfolgt mit der Berechnung und Abführung der Lohnsteuer. Evtl. Defizite werden mit öffentlichen Mitteln der Zentralregierung ausgeglichen. Mittel aus dem Pflegefonds werden regelmäßig an ein zentrales Verwaltungsamt überwiesen, mit dem dann Pflegeeinrichtungen und Pflegedienste abrechnen. 

Dagegen wurden Leistungen für weniger schwere Fälle, die keine Rund-um-die-Uhr-Betreuung benötigen, in den Zuständigkeitsbereich der Krankenkassen übertragen. Auch hier gilt zunächst das Primärarzt-Prinzip (Hausarzt), zusätzlich unterstützt durch Bezirkskrankenpfleger und -pflegerinnen, welche die Pflegebedürftigen zu Hause besuchen und einschätzen, welche Unterstützung diese benötigen, um weiterhin in ihrer eigenen Wohnung leben zu können. Oberste Priorität ist also die Erhaltung der Selbständigkeit, um eine Überlastung der Pflegeheime zu verhindern. 
Alle Versicherten über 18 Jahre sowie die Arbeitgeber zahlen Beiträge an die Krankenversicherung. Diese funktioniert nach einem Baukastensystem, wobei der verpflichtende Basistarif einheitlich 115 €/Monat kostet. Je nach Geldbörse können Zusatztarife mit Wahlleistungen hinzugebucht werden. Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren werden vom Staat versichert und die Beiträge von der Zentralregierung in den Krankenversicherungsfonds eingezahlt. Zusätzlich erhalten die Krankenversicherer eine risikoangepasste (von Alter und Gesundheitszustand der Versicherten abhängige) Zuteilung von Mitteln aus dem Krankenversicherungsfonds. Die Berücksichtigung des Risikos dient der Gewährleistung eines fairen Wettbewerbs und soll zudem verhindern, dass Versicherer ihre Kunden anhand des Risikos auswählen. 

Angebote zur Betreuung von Teilhabe und Inklusion, die Versorgung mit Hilfsmitteln wie Rollstühlen, Liftern etc., wurde ebenso wie Essen auf Rädern und die Vermittlung von Haushaltshilfen oder Fahrdiensten an die Gemeinden übertragen. 
Die Gemeinden werden über einem Gemeindefonds finanziert. Zugelassene Dienstleistungsanbieter, z.B. Haushaltshilfen und Anbieter für Essen auf Rädern, rechnen direkt mit der Gemeindekasse ab. 

Bleibt festzuhalten: Pflegebudgets funktionieren. Schade, dass sich dies noch nicht bis Berlin herumgesprochen hat. 

No comments

The author does not allow comments to this entry