Wer sind Susanne Hanowell und Urlaub & Pflege e.V.?


Susanne Hanowell, 56 Jahre, Dipl. Sozialpädagogin und Dipl. Gerontologin, Mitbegründerin und Geschäftsführerin von Urlaub & Pflege e.V.

Der Verein Urlaub & Pflege e. V. ist ein gemeinnütziger Reiseveranstalter. Der Verein wurde 1999 gegründet und bietet seit 2000 Reisen für Menschen mit Hilfs- und Pflegebedarf.


miCARE: Wie ist Urlaub & Pflege entstanden? Was waren Ihre ersten Berührungspunkte mit der Pflege?

Bereits während des Studiums sowie im Anerkennungsjahr im Altenpflegeheim, in einer Wohngruppe, war es mir ein Anliegen, einsame Menschen in Kontakt zu bringen. Die erste Idee war 'wir fahren in den Urlaub' und wenig später ging es nach Spiekeroog. Mit vier Gästen und vier Helferinnen. Anschließend habe ich dann bei einem mobilen sozialen Dienst gearbeitet und viele Menschen mit Pflegegrad oder Handicap kennengelernt, die gerne auch mal Urlaub machen wollten.

miCARE: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Urlaubsreisen für Pflegebedürftige und deren Pflegepersonen zu organisieren?

Dass Urlaub eine tolle Sache ist, um Einsamkeit entgegenzuwirken und Pflegesituationen zu entspannen, habe ich schon bei der Reise im Anerkennungsjahr gemerkt. Daraus ist die Idee entstanden, es müsste auch für diesen Personenkreis möglich sein, ganz normal einen Urlaub zu buchen. Seit der Vereinsgründung ist der Verein Urlaub & Pflege nach und nach gewachsen. Neue Reiseziele wurden ins Programm genommen und inzwischen sind wir sechs hauptamtliche und 60 ehrenamtliche Reisebegleiterinnen und -begleiter.

miCARE: Bieten Sie nur gemeinsame Urlaube für Pflegebedürftige mit ihrer Pflegeperson an oder können Pflegebedürftige auch als Alleinreisende mit Ihnen urlauben?

Beides ist möglich, denn wir bieten bei allen Reisen eine 1:1-Begleitung und bei den meisten Reisen auch mit Nachtbereitschaft. So können Gäste bis Pflegegrad 5  auch ohne Angehörige an den Reisen teilnehmen. Angehörige dürfen natürlich gerne mit verreisen. Sie können an den allgemeinen Aktivitäten teilnehmen oder auf eigene Faust etwas unternehmen.

Ein bis zweimal im Jahr bieten wir eine 'Tandemreise' an. Bei den Tandemreisen gibt es ein spezielles Ausflugsprogramm für die pflegenden Angehörigen. Außerdem gibt es die Möglichkeit, an einem Pflegekurs und an Entspannungsangeboten teilzunehmen, während die Gäste mit Pflegebedarf ebenfalls gemeinsam und gut betreut etwas unternehmen. Nach unserer Erfahrung ist die Urlaubssituation besonders gut geeignet, sich in entspannter Atmosphäre mit anderen Angehörigen auszutauschen, die eigene Pflegesituation zu reflektieren, Fragen zu stellen und evtl. auch bestimmte Pflegetätigkeiten wie z. B. Transfers oder Lagerung am Pflegebett zu üben.

miCARE: Haben Sie einen Tipp für Pflegebedürftige und pflegende Angehörige, wie sie sich am besten auf eine Reise vorbereiten?

Nach der Anmeldung erhalten unsere Gäste ein Merkblatt, das diese dabei unterstützt, an alles zu denken, was auf Reisen benötigt wird: Medikamente, Bekleidung, zusätzliche Decken usw. Außerdem bekommen die Gäste einen ausführlichen Fragebogen zu Urlaubswünschen und Hilfebedarf, der uns hilft, uns gut auf die Wünsche und Hilfebedarfe unserer Gäste vorzubereiten. Einige Tage bevor es losgeht, wird der aktuelle Pflegebedarf nochmals bei pflegenden Angehörigen, dem Pflegedienst und/oder Hausarzt erfragt.
Zur ordnungsgemäßen Planung des jeweiligen individuellen Bedarfs ist natürlich ein wenig Vorlauf erforderlich. Beliebte Ziele wie zum Beispiel Borkum und Norderney sind schon eine Woche nach Erscheinen des Prospekts ausgebucht, ansonsten sollte die Buchung spätestens zwei Monate vor der Abreise erfolgen, damit alle Eventualitäten abgeklärt werden können.

Im Prospekt werden die Preise für den Urlaubs- und Pflegeanteil getrennt ausgewiesen. Der Pflegeanteil kann bei Vorliegen der Voraussetzungen über Sachleistungen, Verhinderungspflege oder Entlastungsleistungen abgerechnet werden. Bei der Klärung der Ansprüche und der Antragstellung helfen wir bei Bedarf. Wer Schwierigkeiten hat, den Reisepreis zu bezahlen, kann darüber hinaus einen Antrag auf Bezuschussung durch den Förderverein Urlaub & Pflege e. V. stellen.

miCARE: Welche Assistenz- und Pflegeleistungen erbringt das von Ihnen beschäftigte/beauftragte Personal?

Das Besondere an unseren Reisen ist die 1:1-Begleitung durch ehrenamtliche ReisebegleiterInnen. Hinzu kommen die Reiseleitung und eine verantwortliche Pflegefachkraft. Das heißt, bei 10 pflegebedürftigen Gästen reisen 12 Begleitpersonen mit. Gäste aus NRW können zudem in rollstuhlgerechten Kleinbussen von zu Hause abgeholt werden. Die Kleinbusse stehen auch während der Reise für Ausflugsfahrten zur Verfügung. Zum Angebot von Urlaub & Pflege e. V. gehören tägliche Ausflüge und ein an die Wünsche und Bedarfe der Gäste angepasstes Tages- und Abendprogramm.

miCARE: Haben Sie zukünftig vor, weitere Reiseziele/Regionen anzubieten?

Ja, für unsere Gruppenreisen sind wir ständig auf der Suche nach Hotels und Gästehäusern, die über ein ausreichend großes Kontingent an barrierefreien Zimmern verfügen. Bei den Gruppenreisen beschränken wir uns auf Reiseziele, die wir mit unseren Fahrzeugen gut erreichen können (Deutschland, Holland und Belgien). Im Rahmen von Individualreisen begleiten wir unsere Gäste auch auf Flugreisen oder Kreuzfahrten. Unlängst waren wir mit einem Ehepaar auf Nordlandfahrt mit der AIDA.

miCARE: Was ist die schönste Erkenntnis, die Sie aus den bislang durchgeführten Ausflügen und Urlauben gewonnen haben?

Wir waren auf einer Tandemreise, inklusive eines Kurses für pflegende Angehörige. Gleich am ersten Morgen war für die mitreisenden Angehörigen Frühgymnastik im Schwimmbad des Hotels geplant. Es war jedoch unklar, wer kommt, weil alle zuerst sagten 'Ich muss doch bei meinem Pflegebedürftigen bleiben'. Dann hat unser Team übernommen und es gab einen großen Freudentanz, dass die Angehörigen sich diesen allmorgendlichen Luxus gönnen konnten, weil sich das Pflegeteam so gut gekümmert hat. Am Ende der 12-tägigen Reise waren die Angehörigen eine zusammengeschweißte Gruppe, die viel miteinander unternommen hat.

miCARE: Was muss passieren, damit mehr Menschen mit Pflegebedarf und pflegende Angehörige einen Urlaub machen können?

Es könnten viel mehr Reisen durchgeführt werden, wenn sich mehr – vor allem auch jüngere – ehrenamtliche Helferinnen und Helfer engagieren würden. Wenn z. B. Arbeitnehmer sich einmal im Jahr zur Verfügung stellen, als ehrenamtliche Reisebegleitung mitzuwirken, und die Arbeitgeber dies durch Sonderurlaub unterstützen würden, wäre das eine riesengroße Unterstützung. Denn ein Umstieg auf ein vollständig hauptamtliches Angebot ist für die meisten Menschen nicht bezahlbar, weil dann noch mehr hauptamtliche Fachkräfte, inkl. Überstunden- und Wochenendzuschlägen, abgerechnet werden müssen. Meine Vision ist, dass es eine gemeinsame gesellschaftliche Verantwortung für dieses Thema gibt und viele Menschen in ihren Bereichen und mit ihren Möglichkeiten daran mitwirken.

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